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Heinrich von Kleist (1805)

die allm Verfertigung der Gedanken beim Reden

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem n Bekannten, der dir aufst dar zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erz Ich sehe dich zwar gro Augen machen, und mir antworten, man habe dir in fr Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, da du aus der verst Absicht sprechest, dich zu belehren, und so k f verschiedene F verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, l’app vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l’idee vient en parlant.

Oft sitze ich an meinem Gesch den Akten, und erforsche, in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein m Ich pflege dann gew ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzukl Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verh ausdr und aus welcher sich die Aufl nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Br nicht herausgebracht haben w Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, sagte; den sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den K studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinf auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte h der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so pr wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gem w die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur v Deutlichkeit aus, dergestalt, da die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte T ein, ziehe die Verbindungsw in die L gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht n w und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkst der Vernunft, die geh Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gem wird durch diesen Versuch von au ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entrei nur noch mehr erregt, und in seiner F wie ein gro General, wenn die Umst dr noch um einen Grad h gespannt. In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung f denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegen und ein Blick, der uns einen halb ausgedr Gedanken schon als begriffen ank schenkt uns oft den Ausdruck f die ganz andere H desselben.

Ich glaube, da mancher gro Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wu was er sagen w Aber die da er die ihm n Gedankenf schon aus den Umst und der daraus resultierenden Erregung seines Gem sch w machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Gl hin, zu setzen.

Mir f jener des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des K am 23ten Juni, in welcher dieser den St auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die St noch verweilten, zur und sie befragte, ob sie den Befehl des K vernommen h antwortete Mirabeau, haben des K Befehl vernommen ich bin gewi da er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schlo mein Herr wiederholte er, haben ihn vernommen man sieht, da er noch gar nicht recht wei was er will. was berechtigt Sie fuhr er fort, und nun pl geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repr der Nation. Das war es, was er brauchte! Nation gibt Befehle und empf keine um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. damit ich mich ihnen ganz deutlich erkl und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele ger dasteht, ausdr sagen Sie Ihrem K da wir unsere Pl anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden. Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders, als in einem v Geistesbankerott vorstellen; nach einem Gesetz, nach welchem in einem K der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten K Atmosph kommt, pl die entgegengesetzte Elektrizit erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der in ihm inwohnende Elektrizit wieder verst wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung Vielleicht, da es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, da Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, da er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zur pl der Furcht vor dem Chatelet, und der Vorsicht, Raum.

Dies ist eine merkw zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt,
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welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumst bew w Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zur Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste, wo der Fuchs dem L eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkw Beispiel von einer allm Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der L versammelt die Gro desselben, und er ihnen, da dem Himmel, wenn er bes werden solle, ein Opfer fallen m Viel S seien im Volke, der Tod des gr m die vom Untergang retten. Sie m ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, f sein Teil, gestehe, da er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugesto da er den Sch gefressen. Wenn niemand sich gr Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, sind zu gro Ihr edler Eifer f Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erw Oder ein Hund, diese nichtsw Bestie? Und: quant au berger f er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: peut dire obschon er noch nicht wei was? m tout mal auf gut Gl und somit ist er verwickelt; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: ces gens la nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not rei sur les animaux se font un chimerique empire Und jetzt beweist er, da der Esel, der blutd (der alle Kr auffri das zweckm Opfer sei, worauf alle ihn herfallen, und ihn zerrei Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gem f eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.

Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann mu er bei seiner blo Ausdr zur und dies Gesch weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedr wird, so folgt der Schlu noch gar nicht, da sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr k es leicht sein, da die verworrenst ausgedr gerade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo, durch ein lebhaftes Gespr eine kontinuierliche Befruchtung der Gem mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht m f sonst in der Regel zur halten, pl mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich rei und etwas Unverst zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Geb anzudeuten, da sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, da diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der pl Gesch der ihres Geistes vom Denen zum Ausdr schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen, erforderlich war, wieder nieder. In solchen F ist es um so unerl da uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben k wenigstens so schnell als m aufeinander folgen zu lassen. Und wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld f Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gem ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene, und unterrichtete K examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: was ist der Staat? Oder: was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute in einer Gesellschaft befunden h wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten h so w sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gem g fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverst Examinator wird daraus schlie da sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher wei Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade eine Examen. Abgerechnet, da es schon widerw und das Zartgef verletzend ist, und da es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Ro nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es f oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gem zu spielen und ihm seinen eigent Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten H da selbst der ge Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert w hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechsw Mi tun k Was solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten F ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, da die Gem der Examinatoren, wenn die Pr geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil f zu k Denn nicht nur f sie h die Unanst dieses ganzen Verfahrens: man w sich schon sch von jemanden, da er seine Geldb vor uns aussch zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand mu hier eine gef Musterung passieren, und sie m oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen k ohne sich Bl schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universit kommende, J gegeben zu haben, den sie examinierten.

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